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Erfahrungen eines Umsteigers (1988)

Irgendwann einmal nach 20 Jahren ausgefüllten Tennislebens war er da - der Schmerz in der rechten Hand, der sich mit jedem Schlag zu einem permanent penetranten Ärgernis aufsummierte und dessen Schilderung von nun an die Tresenkonferenz mit verständnisvollen Clubkameraden bestimmte.Viele abenteuerliche und alles mögliche raubende Vorschläge zur Linderung wurden mir angetragen, woraufhin ich mich nach Überprüfung meiner gesellschaftlich- und geschäftlichen Interessen im Jahre 1986 im zarten Alter von 37 Jahren dafür entschied, mir eine Radikalkur angedeihen lassen zu können: Ich hörte auf, Tennis zu spielen. Gesagt, getan, gelitten!
Irgendwie hatte ich mich daran gewöhnt, einen runden Gegenstand mit einem Schläger über ein Netz zu befördern und außerdem beträchtliches Fachwissen darüber angehäuft. Ich hielt einen Topspin nicht mehr für einen besonders überzogenen Redebeitrag und brachte Dreisatzsiege auch nicht mehr mit ätzenden Textaufgaben aus den früheren Martermatikstunden in Verbindung. Zudem entzogen sich langsam, aber sicher meine Füße meinem spontanen Anblick, und der Spiegel präsentierte mir das (typische?) Bild eines breiten Sportlers. "Eine Nummer kleiner wäre nicht schlecht", fuhr es mir durch den Kopf, und sogleich erhellte ein Geistesblitz meinen Horizont: "Tischtennis, das ist es!" Kurz entschlossen erstand ich einen Ping - Pong - Schläger vom Wühltisch im Supermarkt und marschierte in Nachbars Keller, wo bereits Gleichgesinnte am Werke waren: Über Eck stand da ein Tischtennistisch zwischen Regalen und Bierkisten eingekeilt. Mitten über dem Netz hing eine Kellerfunzel herunter und versuchte mühsam, die Szene zu erhellen - eigentlich fehlten nur noch Revolver, Schlapphüte und Pokerkarten. Spieltaktisch gab es nur die Flucht nach vorn ins Ungewisse, denn hinter einem lechzten Rauhputz und Einmachgläser unerbittlich nach blutigen Ellenbogen und Fingerknöcheln, blauen Flecken und Kleinholz. Also galt: Bauch auf die Tischkante, Arm in wohlgesitteter Tischhaltung angelegt, den Schläger senkrecht zur Platte fixiert und die Rückhand wie einen Kolben im Zylinder vor- und zurückbewegt. Nach circa 40 Minuten war der Mief so dick, daß der Ball trotz optimaler Luftwiderstands-Beiwerte nur noch mit einem turbostarken Staubsauger übers Netz zu locken war. Das war dann das Signal für die Kontaktförderer Doppel und Flaschenbier! Bei wachsender Schwüle entwickelte sich die Aktion zu einer Art "Dirty dancing", und wenn der erste Mitwürgende einen Ball durch bloßes Rülpsen abgewehrt hatte, war Schluß.
Das wurde mir mit der Zeit alles zu feucht, und deshalb beschloß ich, einem Tischtennisverein beizutreten.Ich wußte noch,daß meine Nachbarin früher in der Bundesliga gespielt hatte und borgte mir ihren alten Kork - Schläger - sozusagen als Motivationshilfe. Doch welch ein Aufstand, als ich ihn in der Turnhalle auspackte: Jetzt ginge es nur noch mit Gummi, hieß es, und "das müsse vorne schwarz und hinten rot sein, allenfalls umgekehrt!" Darauf drückte ein wohlmeinender Mitmensch mir einen Spezialkatalog in die Hand, in dem es alle möglichen Modelle gab wie z.B.: Konkav, konvex, anatomisch, gerade, "schnell und gefühlvoll", "für Kompromißlose", "direkt und dynamisch","kontrolliert offensiv" mit "Noppen außen", "Noppen innen" (vielleicht auch ganz interessant?), "langen Noppen", "für lange Kontaktzeiten" und das alles noch in verschiedenen Schwammstärken. (Was soll denn das nun schon wieder? Ein Schelm, der Böses dabei denkt ...) Ich erinnere mich, auch etwas von "Antibelag" gelesen zu haben, aber dann habe ich wohl gedacht, das wäre auch schlicht und ergreifend mit Zahnpasta hinzukriegen. Total verstört und resigniert ob der Vielfalt des Angebots erwarb ich lediglich zwei preiswerte Allroundbeläge, mit denen ich mein mittlerweile doch recht abgenudeltes Gerät aufmotzte. Kurz und schlecht: Schwamm drüber und hinein ins Getümmel!
Neugier macht unvorsichtig und offenbar sieht man bei dieser Sportart grundsätzlich keinem seine Spielstärke von der äußeren Erscheinung her an. Mutig quatschte ich also einen rundlichen älteren Herrn an, ob wir nicht "ein paar Schläge machen könnten?" Auf ein schicksalergebenes "Jaa, warum nicht?" gings auch wirklich sofort los, nachdem dieser seinen Schläger mit einem weißen Schaum eingeseift und sorgfältig poliert hatte. Gleich beim ersten Anblick des Balls sah ich Sterne (3 schwarze), ohne das gleich als böses Omen zu werten. Beeindruckt von der Weite des Raums atmete ich tief durch, holte so richtig aus wie auf dem Centrecourt und und genoß die Ästhetik des gepflegten langen Ballwechsels. Euphorisch gestimmt zog ich in Erwägung, ein "richtiges" Spiel anzuregen - und schon hatte ich den Aufschlag gewonnen! Das war schon immer meine Spezialität: Links hinstellen, in die linke Ecke gucken - darauf mit der Rückhand zielen - und mit gekonntem Dreh den Schläger pfeilgerade diagonal und leicht überrissen nach rechts ziehen ...As! Das kam mir bekannt vor. Jetzt das gleiche noch einmal, allerdings eher unterschnitten ... ein sogenannter Servicewinner, wobei der Rückschlag die Platte deutlich verfehlte. Darauf das ganze seitenverkehrt ...4:0! Zu schlechter Letzt ein kurzer aus meiner Kellerphase .. leider ins Netz! Servicewechsel! Der da drüben erstarrt zur Skulptur Marke Diskuswerfer, und während ich das Spiel seiner nicht vorhandenen Rückenmuskulatur zu erahnen trachte, erregt das Leuchten des Balles auf seinem Handteller unterhalb der rechten Achselhöhle meine Aufmerksamkeit. Jetzt wird die Zelluloidkugel hochgeschnellt und steigt und steigt und...Ein wildes Zucken schreckt mich auf, das ich erst neulich bei meiner Frau bemerkt hatte, als sie ein klebriges Stück Sahnetorte vom dafür bestimmten Heber auf meinen Teller zu bugsieren beabsichtigte. Plopp, plopp, plopp, da rollt derBall schon unmittelbar hinter dem Netz ( leider auf meiner Seite) aus. Der nächste Aufschlag erinnert mich irgendwie an Zwiebelschneiden, wobei ich dem Hintern des Gegenübers anstandslos ein höheres Niveau als seinem Kopf (geographisch gesehen natürlich) bescheinigt hätte, und mein Rückschlag verwandelt die Turnhalle in ein Squashcenter. Der dritte Aufschlag schwebt luftig heran,tropft auf meinen Schläger, dreht dort drei anmutige Pirouetten, tänzelt meinen Arm hinauf und verschwindet letztendlich in meinem rechten Hemdsärmel ... Daraufhin entspannte sich die Lage deutlich und die nächsten Angaben erweisen sich als äußerst human, und ich werde sofort offensiv nach der Faustregel: Je härter das "Ping", desto schlaffer das "Pong"!
Alles Quatsch! Bereits mein zweites "Pong" erschien mir reichlich früh zu ertönen. Kein Wunder, das war es doch nicht mein Schläger, der geräuschte, sondern die Wand hinter mir. Ein nächster Versuch meinerseits zeigt ungewohnt hohes Niveau (ca. 2m über der Netzkante!) und ich habe viel Zeit in Erwartung des kommenden Schmetterballes, die ich mir mit respektvollem Zurückweichen vertreibe ... da kühlt bereits die grüne Platte meine Wangen, deren Kante sich meines Beckenknochens und deren Netz sich gleichzeitig meiner des Instruments beraubten Schlaghand annimmt. Scheiß Stopball: 4:6! Aber ich darf wenigstens wieder servieren! Leider scheint der Kontrahent irgendwie verstimmt: Wippend geduckt wartet er wie weiland Werner, der bodenwellenverschlingende, nicht eingedenk des abrupten Verlustes seiner Horex ... Alles vorbei, abgesehen von der Hoffnung auf ein glückliches "As"! Ich hechte von nun an nach dem Ball wie mit einer Fliegenklatsche nach einer hungrigen Mücke. In purer Notwehr bringe ich einige unkontrolliert defensiv zurück. Zwei erwischen auf unerklärlichen Wegen die Tischkante und drei ergreifen wohl im Flug Eigeninitiative, jedenfalls erschlägt sie ein sichtlich genervter Gegner unter heftigem Kopfschütteln. Einmal gelingt mir ein grandioser Volley, der leider nicht zählt, und dreimal verschlägt mein Spielpartner unter mürrischem Gemurmel! ...5:21, 7:21! Daraufhin änderten sich zwar die Gegner, die Niederlagen jedoch blieben. Endlich gab mir ein Uralt- Routinier einen grandiosen Tip, der meine Erfolgserlebnisse deutlich anhäufte: Ich tue, als wolle ich lediglich trainieren und zähle in Wirklichkeit heimlich mit. Neulich habe ich so einen Satz erst in der Verlängerung mit 29:31 verloren. Das tollste daran war, daß ich ihn sogar mit 35:33 gewonnen hätte, wenn ich nur einen Ball später mit dem Zählen begonnen hätte!
Ich spiele sogar mit dem Gedanken, demnächst die Mannschaft zu verstärken! Sie fragen, wie das angehen soll? Ich lasse mir im Chinarestaurant ein großes Schild anfertigen und stelle mich damit auf den Elbdeich: Was darauf steht? Ganz einfach: Spielertrainer gesucht - Spielstärke ca. Kreisliga Shanghai!

Alle Rechte vorbehalten: Johann Kowalczik

Weitere Erkenntnisse:

Bekenntnisse eines Spielverderbers (1998)

6 Gründe, Tischtennis zu spielen – und das auch noch in einer Mannschaft! (2005)

Hans im Glück oder Wie man Scheiße als Dünger erkennt.(2012)

Es gibt mir sehr gut bekannte ehemalige Jugendtrainer, die diesen Artikel höchstwahrscheinlich als böse Satire empfinden, obwohl er nicht nur für ihren Sportbereich , sondern für alle Lebensbereiche zutrifft.

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