Zur Datenschutzerklärung  

Die NATTERNBUSCHER ÄNDERUNGSDENKEREI
präsentiert:

Alles nur Märchen und Fabeln -

aber wenigstens selbst gedichtete!

Quercus

Es war einmal ein Bettpfosten namens Quercus. Das war aber kein gewöhnlicher Bettpfosten, sondern ein schon ganz furchtbar alter mit allen Wachsen gewachster Bettpfosten. Als massiver runder Eichenständer mit breiten Holzpuschen und einem abgedrehten dicken Kugelkopf obendrauf war er eine imposante Erscheinung und nach mehreren Umzügen trotz leicht gelockerter Scharniere immer noch eine stabile Stütze des Bettes. Dies widerum war in der hintersten Ecke eines kleinen Pensionszimmers gelandet, wie es sie heute noch in mittelalterlichen Kreisstädten preiswert  zu mieten gibt. Sein Privileg bestand darin, als einziger frei im Raum zu stehen und somit bisher ohne größere Schrammen davon gekommen zu sein.
Quercus hatte im Laufe von etlichen überaus spannenden und von stetem Auf und Ab bestimmten Jahrzehnten  in vielen verschiedenen Gemächern fast alles miterlebt, was es zu Miterleben ging und wusste deshalb über so gut wie alles Bescheid, dessen es Bescheid zu wissen nicht unbedingt von Nachteil sein dürfte. Er lernte allerlei Sorten von Menschen kennen – vom einfachen Urlauber und Handwerker auf Montage bis zu all den  –pathen, -philen, -sophen  und –logen, die zu irgendwelchen Kongressen im Ort weilten. Manch zarte Dessous umbaumelten, von manch strammem Wind gebeutelt , seinen Eichenknubbel,  und wenn einer tiefe menschliche Einblicke in ebensolche Abgründe für sich beanspruchte, war es unser Bettpfosten. War es da ein Wunder, dass er innerlich zu metamorphieren begann, dass sich in ihm eine regelrechte Kontaktfreude zu den Menschen aufbaute? Geduldig wartete er also jede Nacht auf  die Chancen, die sich ihm boten, wenn des Bettnässens überdrüssigen Bettnutzer menschliche Regungen verspürten und dabei den schlafraubenden Lichtschein scheuten..
Da er ein Fußendpfosten war, kannte er sich besonders mit Füßen und Oberschenkeln aus. Auf erstere - zumal ungewaschen -  reagierte er zwar meist betreten patiniert, aber Oberschenkel übten auf ihn einen eichenartigen Reiz aus, über dessen Herkunft er zu Rätseln aufgegeben hatte. Soviel stand jedenfalls fest: Er erweckte regelmäßig in ihm Erinnerungen an die Zeit, als er noch nicht vermöbelt worden und  ihm selbst noch das ein oder andere Zweiglein aus dem Stamm gesprossen war. Quercus verspürte darob eine ausnehmend tiefe Neigung besonders zu den pralleren Schenkeln, die darin gipfelte, dass er so manchem bei dessen nächtlichem Vorüberhuschen querab einen heftigen Kuss verpasste. Das war nicht sonderlich ungewöhnlich, zumal seine Eichenknubbel sich nach halbwegs aufregenden Gutenachtgeschichten offenbarauszudehnen schien -

der Naturwissenschaftler würde dies vermutlich auf einen sich bei solchen solchen Gelegenheiten stetig erhöhenden Feuchtigkeitsgehalt der Luft des Schlafgemachs zurückführen. Bei Füßen hingegen lebte er eher seine niederen Instinkte aus, indem er sich ihnen, wenn sie ihm gar zu quer kamen,  schlicht und ergreifend in den Weg stellte und somit gerne einmal Fünf gar krumm sein lassen konnte. Die aus den Schenkel- und Fußkontakten  resultierenden äußerst schmerzhaften Effekte unterschieden sich aber nur unwesentlich. Sie addierten sich bisweilen sogar, wenn ein unversehens Geküsster daraufhin im Affekt seine Zehen krümmte. Quercus war nicht unwohl dabei. Im Gegenteil - er bildete sich ein, dass er damit so etwas wie eine enorm günstige  makropunkturelle Wirkung auslöste.
Unser keineswegs unintelligenter Bettpfosten wusste aber um die Risiken seines Tuns sehr wohl. Deshalb tat ihm dieses immer sofort pflichtschuldigst leid, weshalb jeder Kontaktierte bei ihm drei Verwünschungen frei hatte. Solchselbiges war an und für sich eine ganz tolle, weil im Allgemeinen ungemein befreiende Sache, wenn sie nicht doch einen klitzeklitzekleinen Haken gehabt hätte: Der Bettpfosten war nämlich ob des lauten Knarrens und Schnarchen und mancher spitzer Schreie - auch der Holzwurm tickte nicht mehr so richtig - etwas schwerhörig geworden. Dieses wiederum führte dazu, dass er so manch wüste Verwünschung gar nicht mehr so recht wahrnehmen konnte, was ihm gar traurig ankam, denn schließlich hatte er sich so dran gewöhnt, dass man es kaum einem Lignotherapeuten hätte verdenken können, hätte er in diesem Zusammenhang gar  von „lieb gewonnen“ gesprochen.
So wähnte sich der doch aus so hartem Holz Geschnitzte gar nicht mehr so recht wahrgenommen und begann eine Art Re-Metamorphose. Er sehnte sich ab und zu nach den goldenen Zeiten zurück, da noch richtig phantasievoll geflucht wurde – und vor allem auf Deutsch. „Jedsleggstmiamaasch“,  „Sooonescheeeiiiiiiissseabaaaaau“ oder „Sakradeifinoamol“ – das waren noch  wahrhaft heilende multivokale Klänge! „Sauknochen“ ließ er sich auch noch gefallen, und dass das schmerzdehnende Langzeit -“ie“ bei Schiet jetzt kurz und spitz geflucht wurde, konnte er ja gerade noch so nachvollziehen, aber was „fkkkkkkkkkk“ oder „grzuczjklyczg“ bedeuten sollte, würde ihm dann doch wohl ob seiner rasant schwindenden Hör- und Lernfähigkeit für immer verborgen bleiben. Als ihm dann eines Tages zu allem Überfluß von der an sich nicht ungewitzten Pensionswirtin in Sorge um ihre Gäste noch ein innen sorgsam auswattierter Klohut über den Kopf gezogen wurde, gab er es ob der engen Häkelmaschen und  des eingeschränkten Gesichtsfelds. endgültig auf, Kontakt zu den Menschen zu suchen und besann sich wieder auf  diejenigen, bei denen er sich ohnehin schon zeitlebens untergehakt hatte. Diese beschworen ihn zudem  ganz  eindringlich, dass er ursprünglich und immer noch  dringend als Stütze des gesamten Systems gebraucht würde. Das führte dazu, dass er sich fortan sogar dem Lattenrost widmete, den er vorher eher von oben herab wahr und nicht ganz ernst genommen hatte. Dabei bemerkte er, dass sie untereinander sogar stumm besser als erwartet miteinander umgehen konnten, und wenn er nicht verfeuert ist, dann steht er immer noch wacker seinen Pfosten.

Das Märchen vom Märchenerzähler, dessen Märchen keiner hören wollte.
Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, als die Leute ganz wild nach Märchen waren, ein Märchenerzähler, der schon in frühester Jugend nicht zuletzt auch als Messdiener viele Märchen gehört hatte - und zwar so intensiv vorgetragen, dass er gern und oft darüber ans konzentrierte Denken gebracht wurde und sie deshalb mitunter sogar auch glaubte. Die Jahre gingen ins Land, und er hatte längst - was Wunder!? - eine große Kunstfertigkeit darin erlangt, sich selbst seinen Mitmenschen in märchenhafter Weise mitzuteilen. Der Märchenerzähler wurde aber kein gewöhnlicher Märchenerzähler, denn die Märchen, von denen er viele zu erzählen hatte, waren nicht etwa die alten Märchen von längst verstorbenen Leuten aus längst vergangenen Zeiten, die jeder kannte und bei denen man nicht mehr so genau zuhören brauchte, sondern es waren irgendwie sonderbare Märchen ohne ein richtiges Ende. Und wenn es schon mal ein Ende gab, war es eher happig als happy. Das tätowierte schnell Dackelfalten auf die Stirnen der gemeinen Märchenkonsumenten, unter denen man sich nicht ganz sicher war, ob der Märchenerzähler die Märchen nicht vielleicht sogar selbst erlebt haben könnte. Besonders bei denjenigen, die in seinem unmittelbaren Umfeld ihr gutbürgerliches Dasein tristeten, kam das nicht wirklich gut an. Dieser Umstand überraschte den Märchenerzähler nicht sonderlich, wenngleich er sich dann doch etwas wunderte, dass es deren so viele wurden.
So trug es sich zu, dass er zwar vom um Nachwuchs bemühten örtlichen Märchenverein zu dessen Jubiläum eingeladen wurde, sich aber dabei als Programmpunkt unmittelbar nach den ausgiebigen Festreden des Bürgermeisters und des Vorsitzenden wiederfand, und somit die Erfahrung machen durfte, dass man Hungrige und Dürstende keine 2 Minuten mit Märchen hinhalten kann - nicht einmal mit Märchen über gesunde Ernährung auf Grillfesten und todsichere Mittel gegen Alkohol- und Fettmissbrauch. Selbst die ungemein aufgeschlossenen Mitglieder des weithin berühmten "Vereins für gegenstandsfreie Märchen und konkretes Lesen" konnten sich nicht mit seinem grandiosen Einfall anfreunden, ein Telefonbuch - natürlich von Ziffern und Zahlen befreit - im typisch altdeutschen Märchentonfall zu rezitieren, weil es ihnen immer noch zu märchenhaft dekorativ klang. "Was tun?", frug sich der Märchenerzähler, dessen Oberstübchen ob der stetig neu hinzu kommenden Märchen zu bersten drohte.

Er suchte fortan Anschluss bei den Nischennistern in der weiteren Umgebung, die den Anspruch haben, sensibler, intellektueller und vor allem anders zu sein. Er verzichtete dafür ganz auf Worte und summte nur noch märchenhafte Sequenzen, zu denen sich das Auditorium eigene Märchen ausdenken sollte. Das fand die Zielgruppe zwar ganz anregend und unterhaltend, doch störte sie sich daran, dass sich der Märchenerzähler nicht zu dem exquisiten esoterischen Dressing bekannte, ohne den sie geistige Nahrung zu verweigern pflegen. Als er auch noch seine speziellen Märchenerzählmethoden in VHS- Kursen zum Nulltarif anbot, dachten sich nahezu alle "Der kann uns viel erzählen!" und zeigten ihm mittels demonstrativen Stirntippens die kalte Achselhöhle. Also fühlte sich unser Geist-Erfahrer endgültig als Geisterfahrer wider Willen.
Er suchte in seiner aufkommenden Verzweiflung den Rat eines Fairy -Tales- Consulters - auf Neudeutsch Märchenberaters. Der riet ihm, was er Märchenerzählern immer zu raten geruhte und legte ihm einen Märchenerzählwettbewerb ans Herz. Natürlich musste sich der Märchenerzähler dazu ein Märchenerzähleroutfit zulegen, aber da er über sich im Boulevardbereich ums Verrecken keine falschen, aber publikumswirksamen Schauer- oder Ammenmärchen verbreiten wollte, war er der einzige, zu dessen Vortrag sich nur ein einziger Hörer bequemte. Darob verdunkelten sich seine ohnehin vom vielen Denken und Speichern gemarterten Gesichtszüge, was wiederum auch diesen letzten Unentwegten und letztlich auch den Berater vergraulte. Das traf ihn hart, aber es nutzte ja nichts. Er unternahm noch einen letzten Versuch, indem er seine Märchen ins das Internet stellte. Da bekam er eher ab als zu eine Rückmeldung, die sich allerdings in ca.80 Volumenprozent auf ein mangelhaftes äußeres Format oder Rechtschreibfehler bezog.
Andere hätten sich an seiner Stelle jetzt vielleicht als Nacktmärchenerzähler verdungen oder im Studio für märchenhaftes Geld Hunderte jener Hörheftchen produzieren lassen, die in den Buchhandlungen des heimischen Kirchspiels vor sich hin verstauben und als private Geschenke die Akzeptanz von Klohüten erfahren. Oder sie hätten klein beigegeben und wären nur noch lukrativ auf "Hänsel und Gretel" oder "Schneewittchen" herum geritten - oder meinetwegen auf den "kleinen Leuten von Swabbedoo". Da er aber neben einem durchaus hinlänglichen geregelten Auskommen auch eine erstklassige Märchenfee neben sich wusste, die stets neue Überraschungen garantierte, indem sie jeden Tag aufs Neue ganz intuitiv mindestens drei seiner bescheidenen Wünsche entweder zu verweigern oder von den Augen abzulesen pflegte, hofft er, dass dereinst doch noch jemand eins von seinen Märchen hören will. So lebt er unangetastet in seinen künstlerischen und sonstigen Freiheiten, und wenn der Hirnkasten inzwischen nicht geborsten ist, dann hofft er es noch heute.

Das Märchen von der Märchenfee, die keine Märchenfee mehr sein wollte.

Ihr werdet als aufmerksame Zuhörer vielleicht schon ahnen, dass dieses Märchen etwas mit dem letzten, dem Märchen vom Märchenerzähler, dessen Märchen keiner mehr hören wollte, zu tun hat. Und in der Tat, es handelt sich um eben diese Märchenfee, die dem Märchenerzähler, der sie immer noch wie vor einigen Jahrzehnten liebte, bereits mehr als eine Muse geworden war, deren Anerkennung ihm inzwischen die letzte Motivation bedeutete. Nun wollte es aber das Schicksal, dass die Märchenfee sich eines Nachts während eines zwar pseudo-, aber immerhin doch spirituellen Fortbildungskurses auf märchenhafte Weise selbst erfuhr, indem sie in einem Zustand, von dem sie später nicht beschwören konnte, ob er geträumt oder real war, vorübergehend in eine lichterfüllte transzendente Welt eintauchte. Den anderen Teilnehmern erschien danach ihre euphorisch entrückte Schilderung wie ein Märchen, aber Märchenfeen sind eben so - zumindestens für sich. Von nun an war sie aber für andere eine andere. Und so fing sie an, langsam aber konsequent mit dem speziellen Märchenerzählergefeee aufzuhören und sich andern Menschen und vor allem sich selbst zuzuwenden. Das zeigte sich unter anderem darin, dass sie eine Art Allesflüsterin zu werden schien, nur noch mit positiven Gedanken und guten Gefühlen zu tun haben wollte, und vor allem befürchtete, von dem ihr zwar anvertrauten, aber unerwartet flüsterresistenten Märchenerzähler ausgezehrt zu werden, in dessen Gegenwart sie sich einfach nicht mehr wohlfühlte. Es abgründete darin, dass sie anlässlich eines ebenso hingeschluderten wie hochgepriesenen Fremdmärchens, über dessen Machart und dessen Akzeptanz bei den selbsternannten Märchenexperten er sich wieder einmal rechtschaffen aufregte, dem Märchenerzähler wider Erwarten nicht mehr beistehen wollte, sondern ihm schließlich eröffnete, sie habe nicht mehr so ein Interesse mehr an ihm wie vorher und könne ihm nicht mehr geben, was er brauche. Er ginge ihr auf die Nerven, und sie hätte sich lange genug als Märchenfee ausnutzen lassen und überhaupt sei es eine schreckliche Zeit für sie gewesen und ihre Märchenfeengeduld restlos am Ende.

Wer sie schon länger kannte, den wunderte es nicht, dass sie sich selbst diesen Eigenwunsch nach einem Privatparadies sofort erfüllte, so gut es ihr nur irgend ging. Es wäre auch nicht verwunderlich gewesen, wenn diesen Zustand irgendjemand als Märchenbefeedung bezeichnet hätte. Da sah auch unser arg geschockter und ernüchterter Märchenerzähler recht schnell ein, dass es folglich es mit seinen künstlerischen und sonstigen Freiheiten, von denen ich am Schluss des letzten Märchens berichtet habe, Essig sein musste - wenn auch nicht unbedingt mit BIO, denn dieses Märchen war ihm noch nie geheuer. Er begann also, sich an den Trank zu gewöhnen, dem ja nicht umsonst heilsame Wirkungen zuerkannt werden, und der ihn rasch 12 Kilos kostete, von denen einige zugegebenermaßen als überflüssig bezeichnet werden konnten. Das fand seinen Ausdruck nur noch im Internet und unter anderem darin, dass er sich sonst niemandem außer seinem Therapeuten mitteilte. Die Märchenfee zeigte sich jedoch darob wider Erwarten befremdet. Außerdem hatte sie sich aus Äskulaps Paradiesgärtlein vom Baum der Märchenfeen-Erkenntnis eine beträchtlichen Vorrat an Supersaueräpfeln besorgt und hielt diese dem Märchenerzähler mehrmals täglich vor. Da er dazu erzogen war alles aufzuessen, was auf den Tisch kam, verweigerte er sich auch nicht. Nun erzählen sich ja die alten Leute, dass sauer lustig machen soll, aber das gilt wohl nur für diejenigen, die sich am Anblick des Angesäuerten erfreuen können. Unserer Märchenfee konnte man zwar einiges zutrauen, aber Schadenfreude? Nein- das war dann doch nicht ihr Ding. Ganz im Gegenteil, sie wollte ja nur noch frohe Gesichter um sich, und sein Frustface war demnach allemal ein triftiger Grund, den Abstand zum Märchenerzähler noch weiter anwachsen zu lassen. Da half jenem auch nicht, dass er jedesmal laut und deutlich kundtat, wenn er sich trotz inzwischen chronisch verknitterter Miene freute, was durchaus manchmal noch vorkam - sie vertraute ihm nicht mehr und glaubte lieber ihrer Wahrnehmung von seiner Körpersprache. Im Bestreben, zu retten, was zu retten wäre, -ganz im Ernst; Wer lässt schon eine Märchenfee sausen? - bemühte der Märchenerzähler sich nun seinerseits, seiner nunmehr Ex-Märchenfee jeden Wunsch von den Augen abzulesen, was sie wiederum noch mehr entgeisterte und zu der wenig märchenfeenhaften Aufforderung veranlasste, "er solle sich gefälligst endlich um sich selber kümmern". Obendrein fasste sie den Entschluss, wenigstens eine Zeitlang eine räumliche Trennung herbeizuführen, und willigte in eine mehrwöchige Umschulung für Märchenfeen ein, die fernab hinter den sieben Bergen angeboten wurde und eine Wiedereingliederung in was auch immer versprach. Der Weg dorthin führte durch die Schluchten der Bürokratie und war demnach lang und beschwerlich. Aber endlich war es dann soweit. Es war sogar soweit gekommen, dass obwohl ...nein, gerade weil er seine Märchenfee immer noch lieb hatte wie vor einigen Jahrzehnten, auch der Märchenerzähler darüber froh war, dass es endlich soweit war. Er sagte es zwar, aber man sah es ihm nicht an...

Wenn ihr denkt, jetzt sei alles gut geworden, kann ich nur sagen: "Wo denkt ihr hin?" Mitnichten ward dem so. Der Märchenfee wurden die dollsten Märchen aufgetischt von Selbstverwirklichung und irgendwelchen fabelhaften Chancen, wenn sie nur dem alten Märchenerzähler abschwören würde. Das tat sie dann auch gründlich und ward fortan nicht mehr in seiner Nähe gesehen. Dem unverändert erlebnishungrigen Märchenerzähler blieb darob nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sich selbst mangels märchenhafter Rundumversorgung zur Möhrchenfee zu entwickeln und auf irgendeine märchenhafte Wendung zu hoffen. Und wenn ihm die Möhrchen uund Kartoffeln nicht auch noch ausgegangen sind, dann hofft er noch heute.

Das Märchen von der märchenhaften Wendung

Ihr werdet euch sicher fragen, wie die Märchen vom Märchenerzähler und seiner Märchenfee weiter gegangen sind, nach dem sie ihn allein mit seinen Möhrchen zurückgelassen hatte. Ich muss dazu ergänzen, dass er ihr eine Rückkehr jederzeit offengelassen hatte, was jedoch eher dem Anspruch an sich selbst als einer generösen Barmherzigkeit genügte. Es hieß zwar im vorher erzählten Märchen, er hoffe auf ein märchenhafte Wendung, aber das war eigentlich nur so dahin erzählt, weil das von einem zünftigen Märchen nunmal erwartet wird. In Wirklichkeit fristete die Hoffnung höchstens in seinem Unterbewusstsein ein eher klägliches Dasein - wenn überhaupt. Er konnte sich später jedenfalls derartiger Gedanken nicht so recht entsinnen. Das hätte auch garnicht seiner Art des Umgangs mit solchen Situationen entsprochen, die ihm seit dem pränatalen Bekanntwerden seiner Existenz wieder und wieder mittels einschlägiger Erfahrungen so etwas von angeeignet worden war, dass es bezeichnenderweise keiner großen Anstrengung bedurfte, dies seinem Therapeuten einzuleuchten. War es da ein Wunder, dass er seiner Natur entsprechend auch keine Lust auf eine andere Märchenfee oder sonstwelche Erscheinungen hatte? Allemal half es ihm, ganz passabel mit seiner Lage fertig zu werden. Hört also zu, was sich zutrug:

Die Monate gingen ins Land und die Möhrchen schon deshalb nicht aus, weil sich unser Märchenerzähler zu einem ganz passablen Möhrchenzähler entpuppte. Diese Hinwendung von der gelegentlichen Ätzung zur geregelten Atzung wirkte sich überaus positiv auf sein Allgemeinbefinden aus. Es sorgte vor allem dafür, dass er nicht vollends in der Haut verschwand, in der er steckte. Der ausgiebige Verzehr dieses Wurzelgemüses hatte zudem die nicht zu unterschätzende Wirkung, ihm gründlich die Augen zu öffnen und die Ohren aufzurichten. Ohne Frage sah er immer weniger einen Sinn von ihm immer klarer erkannten Selffairytaling und begann , sich immer gründlicher in der realen Welt zu orientieren. Dies wiederum war nicht ganz so einfach, wie du dir es als normal Berufstätiger vielleicht vorstellst, denn das Märchenerzählen war ihm zu so etwas wie seiner Profession geworden. Dazu kam das Problem der Strukturierung des Alltags: Eine Erbschaft hatte ihn in nämlich die Lage versetzt, bei seinen eher bescheidenen - prädiogenialen, wie er es bezeichnet hätte - Ansprüchen ohne zusätzliches zeitordnendes Einkommen im abbezahlten Eigenheim mit dem vorhandenen Geld so gut auszukommen, dass er darüberhinaus auch noch die Hälfte davon als Unterstützung an seine Ex-Märchenfee überweisen konnte, der es zweifellos vorteilhaft zu ihren Selbstverwirklichungsversuchen gereichte.

Des Möhrchenzählers Realität bestand neben regelmäßigen Besuchen beim Therapeuten im Folgenden darin, seine Überlebensfähigkeit auszuloten. Er hatte schnell begriffen, dass es dazu keiner medienwirksamen Wallfahrten in unerforschte Urwälder bedarf, die in irgendwelchen Hexenöfen enden könnten. Stattdessen entwickelte er anhand von Plastikdosen und stetiger Erweiterung der Nahrungspalette rasch einen nicht unerheblichen Stolz auf seine Fortschritte in Bezug auf Vorratshaltung und Selbstversorgung unter weitestgehender Vermeidung von Fertigprodukten.

Wer das als Einzelkämpfer schon einmal versucht hat, weiß es gebührend zu schätzen. Außerdem hatte er ein Haus und einen nicht allzu kleinen Garten zu unterhalten. Dass er solches wirklich in Angriff nahm und es durchhielt, schaffte die nötige Grundstruktur für eine gewisse Überlebensperspektive. Vor diesem Hintergrund tauchte er - wenn auch meist nur als stiller Beobachter - ab und zu in das reale Leben ein, das um ihn herum tobte, und sorgte dafür, dass aus dem frischgebackenen Eigenbrötler kein altbackener Eigenbrödler wurde. Als irreale (und im alten Umfeld durchaus provokante) Komponente blieb allerdings zu vermelden, dass er von Beginn an dem Alkohol strikt entsagte, aber daran gewöhnte man sich mit der Zeit. Im Gegenteil - er bekam das Gefühl, dass sich Nachbarn und Bekannte ihm gegenüber viel netter und aufgeschlossener zeigten als zuvor, und das verwunderte ihn dann doch in einem nicht geringen Maße. Es gab einige Ausflüge in die virtuelle Realität der Chats
und Foren, und da von einem Single im Seniorenalter gerade dort eher Märchen gefragt sind, wurden diese meist beendet, ehe sie richtig angefangen hatten. Ähnliches war über den Kontakt zu seiner Ex- Märchenfee zu berichten, der sich auf den monatlichen Kontoauszug und möglichst bürokratische Mitteilungen per Email beschränkte. Das war sicherlich nicht das Schlechteste, was dem Möhrchenzähler passieren konnte. So kam es, dass er sich nach eineinhalb Jahren mit seinem Leben im absoluten Hier und Jetzt ganz passabel arrangiert hatte. Als er sich nun eines Tages im Advent dem Silvesterfest entgegen freute, das er wie im ersten Jahr seines Überlebenstrips im Kreise eines mehrtägigen Musikseminars zu verbringen gedachte, klingelte das Telefon....

Am andern Ende meldete sich die Ex-Märchenfee. Der Möhrchenzähler wollte sie wie bei den bisherigen wenigen Anlässen gewohnt schnell abfertigen, aber ihre Stimme hatte einen gewissen Klang, der den Möhrchenzähler alsbald unwiderstehlich veranlasste, in seiner inzwischen unnachahmlichen Direktheit nachzufragen, ob sie etwa wieder zurückkehren wolle. Man kann nicht behaupten, sie sei darob nicht sprachlos gewesen, doch Abneigung war es nicht, was durch den Äther wellte und nach einem Monat ausgiebigster Tast-Telefonate und -Emails in einem ersten Zusammentreffen mündete, dessen harmonischer Ablauf ohnehin keinem zu vermitteln wäre, der nicht selbst Ähnliches erlebt hat. Sie blieben von desem Tag an wieder überwiegend sehr gern zusammen, aber wer denkt, alles wäre fortan beim alten gewesen, glaubt wirklich noch an Märchen. Märchen waren zumindest für den Erzähler selbst nahezu kein Thema mehr - ebenso wie reale Frühergeschichten und seine alten übergroßen Lieblingsklamotten, deren er sich prompt entledigte. Höchstens gelegentlich wähnte sich dabei der Möhrchenzähler im Märchen - als Fischer neben siner Fru, aber das dauerte meist nicht lange und war so ziemlich der letzte alte Hut. Deshalb will ich das nicht unnötig vertiefen. Die Verwurstung von Möhrchen blieb für ihn wenigstens ab und zu angesagt, und von nun an genoß er es, sich in seinem eigenen Zimmer in den Schlaf fernsehen zu können, ohne irgendwelche Traumfeenträume zu stören. Wenn die beiden auch für Außenstehende vermutlich wieder aufeinander hocken mögen, hacken sie wenigstens nicht mehr so aufeinander, und wenn sie nicht gerade besonders nett und fürsorglich zueinander sein wollen, dann leben sie immer noch leidlich friedlich nebeneinander miteinander.

Terry und die Möpse
Einst lebte mitten unter uns eine Frau namens Johanna, die nach etlichen negativen Erfahrungen mit Männern - den Vater eingeschlossen - absolut keinen Bock mehr hatte und sich deshalb allein durch das Leben zu wurschteln beabsichtigte. Weiß der Teufel, warum sie trotzdem in einem Sommer auf Mallorca landete. Nein nein, sie geriet nicht in die Fänge der beballerten Männer dort, aber es veränderte ihr weiteres Leben entscheidend, als sie bei einem ihrer einsamen Spaziergänge am Strand einen kleinen etwas angemagerten Hund antraf. Er schien zudem sehr jung und frauchenlos. Es war einerseits das Terrierhafte, das ihr imponierte, und andererseits gingen von ihm gewisse Signale aus, die sofort bewirkten, dass jenes Gefühl, das Frauen gern im Bauch zu haben pflegen, sie heftig davor warnte ihn ein zweites Mal anzuschauen geschweige denn ihn zu berühren. Das Schicksal schlug dennoch zu: Sie konnte sich seinem Bettelblick nicht entziehen, streichelte ihn und blieb an ihm kleben. Folgerichtig schmuggelte sie ihn nach Hause, wo sie ihn Terry nannte und aufpäppelte. Terry hatte es relativ gut, denn er bekam sein Fressen frisch zubereitet, Johanna ging mit ihm regelmäßig "Gassi", wozu sie ob der Kooperationsbereitschaft Terrys nicht einmal eine Leine brauchte, und geschlafen wurde ohnehin gemeinsam im Bett, wobei bisweilen nicht auszumachen war, wer wem zu Füßen lag. Die eine war eben auf den Hund gekommen und der andere auf den Menschen, was sich an und für sich über Menschenjahre und Hundejahrzehnte trefflich ergänzte. Die Außenstehenden erklärten ihre Beziehung gar zur Symbiose, wobei sie das je nach Neidpegel unterschiedlich gut fanden. Es gibt eben gewisse Zusammenstellungen, die man nicht nur ohne Prügel essen, sondern auch leben kann. Sie lebten vielleicht noch heute so, wenn Johanna nicht nach schlimmen Anfeindungen an ihrem Arbeitsplatz psychisch krank geworden wäre. Zwar bekam sie eine ausreichende Pension trotz ihrer noch sehr jungen Jahre, aber sie fühlte sich in der Umgebung unwohl und erwarb schließlich einen ausgedienten Leuchtturm weitab von allen Bekannten und Verwandten.

"Wieso gerade ein Leuchtturm?" wirst du fragen, aber das ist eigentlich leicht einzusehen, weil es eben nicht leicht einzusehen ist. Zudem empfand sie den gewonnenen Weitblick als Bereicherung ihres Lebens und überhaupt waren Leuchttürme damals günstig zu haben. Um aber den Kontakt mit den Mitmenschen nicht ganz zu verlieren und vor allem als Beschäftigungstherapie renovierte sie den Leuchtturm und errichtete darin über ihrer kleinen Turmwärterinnenwohnung ein kleines, aber sehr feines und teures Spezialitätenrestaurant. Auch ein Fahrstuhl wurde anstelle der der beschwerlichen Wendeltreppe eingebaut. Für Terry hatte das zur Folge, dass er auch schon mal allein Gassi gehen durfte. Allerdings musste er immer vorher Bescheid bellen, damit ihm sein Frauchen den Lift bedienen konnte, an den er sich zugegebenermaßen nur schwer gewöhnen konnte. Überhaupt war der Lift ein technisches Ungeheuer, das die meisten Gästehunde abschreckte. So kam es, dass höchstens Möpse und andere Kleinkaniden via Handtasche oder Busenkuhle den Weg ins Restaurant fanden. Gegen eine dennoch nicht auszubleiben drohende Langeweile brachte ihm seine sehr fürsorgliche menschliche Lebensgefährtin trotz einer enorm gewachsenen beruflichen Anspannung nebenbei einige terriergerechte Kunststücke bei. Mit denen und seiner aufgeschlossenen Art baute er sich nun im Laufe der Zeit ein Stammpublikum unter dem Personal auf, das sich von ihm angenehm unterhalten fühlte. Und dann gab es ja schließlich noch die ausgesprochen netten schwulen Küchenhilfen Max und Moritz, die immer für einen kleinen Knuddel bereit waren.

"Alles in Hundefutter!" könnte man jetzt feststellen, aber dem war nicht so. Da sich diesen Restaurantbesuch nur bestbetuchte Prommies ( Neider deuteten das als Abkürzung für "Promoted Dummies") leisten konnten, waren seinerzeit generell Möpse angesagt. Diese taten sehr eingebildet und fielen durch ihre sehr freie Art auf (, die von denselben Neidern als "Wohlstandsverwahrlosung" definiert worden wäre, zumal ihr gewöhnungsbedürftiges Aussehen nicht gerade dem herrschenden Schönheitsideal entsprach), die mitunter das Restaurant im Hundumdrehen auf den Kopf stellen konnte. Dieses imponierte irgendwie dem anfangs fassungslos zuschauenden Terry. Womöglich lag es daran, dass er enormen Nachholbedarf aus seiner Jugendzeit verspürte. Als nun nach und nach Max und Moritz unfall- und krankheitshalber als dringend benötigte zusätzliche Zuwender ausfielen, begann Terry, sich langsam den kleinen Teufeln auf ihren ebenso missbilligten wie stillfluchend geduldeten Streifzügen durch das Lokal zu nähern. Die konnten ihm zwar nicht den Wassernapf reichen, aber dafür heillos die Ohren mit ihren Lebensphilosophien aus der hautevolauteschen Käseglocke volllabern. Das klang an sich ja ganz interessant und verführerisch, wenn man sich irgendwann dann doch auf den üblen Slang eingestellt hatte. Für den normalen Hundgebrauch war es zwar soooowas von lebensfremd , aber was solls - Terry kam damit schließlich so gut zurecht, dass Johanna im Endeffekt ganz froh darüber war, dass er jetzt etwas Abwechslung gefunden hatte.

Terry begann aber auch kaum merkbar damit, aus dem Fenster in den Park am Fuße des Leuchtturmes zu gucken, in dem sich ob der geringen Kapazität an Tischen oft Möpse von geduldig warteten Prommies tummelten. Diese bemerkten ihn auch und forderten ihn auf, zum gemeinsamen Schnüffeln und Rumwetzen herunterzukommen. Als er ihnen beschied, sein Frauchen habe im Moment keine Zeit und er könne allein nicht an den Fahrstuhlknopf kommen, schlugen sie ihm vor zu springen. Das jedoch kam für ihn nicht in Frage, denn schließlich wollte er nicht auch so aussehen wie die Möpse. Aber in seinem Hinterkopf fing es an zu brodeln. Warum sollte er nicht fliegen können? Als er eines Tages davon sogar ziemlich realistisch träumte, war sein Entschluß gefasst: Er würde das Wunder vollbringen und sein Hundeleben damit von Grund auf verändern! Fortan befasste er sich mit Engelsgeduld nur noch mit Engeln und Möpsen und natürlich allen gängigen bewußtseinserweiternden Praktiken. Er studierte Mopsgesänge und kratzte mit der Pfote Mopsalas in den Sand.Was soll ich lange drumrumreden - es kam, wie es kommen musste: Ich weiß nicht , welcher Engel ihn da genau geritten hatte, aber nach geraumer Zeit sprang er dann doch , als er wieder einmal aufgefordert wurde.auf eine Einladung hin. Das heißt, er bildete sich dabei ein, auf einem Regenbogen zur Erde hinabzurutschen. Dabei landete er trotzdem kopfüber in der Realität und sah nicht nur aus wie ein Mops, sondern sprach auch so unverständlich, was bei der nun typischen Mopskieferstellung den Experten weiter nicht verwundert. Deshalb wurde er von Johanna schlicht und ergreifend nicht mehr erkannt, nachdem er irgendwie eine Rückfahrgelegenheit im Fahrstuhl ergattert hatte. Naja- und die Erschütterung hatte auch das ohnehin schon strapazierte Hirn nicht verschont. Also sprang er noch einmal vom Turm und ward fortan nicht mehr gesehen. Johanna wurde von vielen Seiten geraten, sich doch einen neuen Hund anzuschaffen, aber davon hatte sie, die inzwischen wenigstens das normale Frühpensionsalter erreicht hatte, ein für allemal die Schnauze voll. Stattdessen spendete sie aus reiner Dankbarkeit für die geleistete Gesellschaft regelmäßig die Hälfte ihres Einkommens an Tierhhilfeorganisationen - falls Terry deren Hilfe benötigen sollte. Die Mehrheit derjenigen, die überhaupt davon erfuhren, hielten das für ziemlich Gaga, aber erstens war sie ja nicht ohne Grund pensioniert worden, und zweitens frage ich mal ganz gegen meine Angewohnheit suggestiv:: Sind wir nicht alle irgendwie Gaga?

 

Die Fabel von Krebs und Steinbock

Es war zur Zeit der großen mitteleuropäischen Trockenheit, da die zusehends verdunstenden Flüsse und Bäche in den Alpen nur noch spärlich rinnsalten , als ein Krebs sein Dasein sowohl in der einzigen kleinen schattigen Pfütze weit und breit inmitten des Restgerölls eines Wildbaches als auch in der langsam schwindenden Hoffnung auf kommende Niederschläge fristete. Diese Pfütze diente auch einem Steinbock als willkommener Spiegel bei dessen Morgentoilette. Der Krebs war in Ermangelung eigener Reflektionsmöglichkeit über jede Gesellschaft erfreut und bewunderte außerdem den Steinbock ob seiner Vitalität und Anmut. Dem gab er auch allmorgendlich gebührend Ausdruck, woraufhin der Steinbock wiederum neuen Mut für sein beschwerliches Tagwerk schöpfte. Nebenbei bemerkt hatte der Krebs auch nicht zu verachtende Qualitäten als Hufpfleger aufzuweisen, die für manch willkommene Bescherung sorgten. Also baute sich zwischen beiden etwas auf, das man gut eine funktionierende Beziehung hätte nennen können.

Eines heißen Sommertages allerdings kam, was anscheinend in so einem Fall immer kommen muss: "Nimm es nicht persönlich, es ist auch für mich ein großer Verlust!", meinte der allmählich ausgedürstete Steinbock noch entschuldigend, als er in hastigen Zügen die Pfütze inhalierte, "Tschüss,viel Glück und vielleicht später wieder mal." Alsdann entfernte er sich offensichtlich erfrischt. "So hatte ich mir die Erfüllung meiner Hoffnung eigentlich nicht vorgestellt, aber es ist nun mal wie es ist.", sinnierte niedergeschlagen der Krebs. Andere hätten sich womöglich um eine Umschulung zum Skorpion bemüht, aber er zog sich zurück und wartete auf bessere Umstände ...

Moral : Durst ist schlimmer als alles vermeintlich Mögliche. Geht die Feuchtigkeit zur Neige, mach dich klein und zieh die Scheren ein, damit du wenig Reibung erzeugst und nicht so schnell verdunstest. Das muss nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein, aber es richtet wahrscheinlich den geringsten Schaden an..

 

Frosch im Glück
Es lebte einmal kurz hinterm Deich ein Frosch, der sich frei nach dem Motto "Sei kein Frosch!" außerordentlich fit hielt und deswegen von dem Studio seines Vertrauens als Anerkennung sogar schon den "Samson des Jahres"- ein goldenes Kettchen mit drei goldenen Locken- verliehen bekommen hatte, das fortan seine muskulöse Brust zierte. Darob war er ziemlich überzeugt, in jeder Lage schon irgendwie zurecht zu kommen. Doch der Frosch war wider Erwarten auch sehr belesen und hatte dabei eine große Vorliebe für Fabeln entwckelt. Somit nahm es nicht Wunder, dass er die Geschichte kannte, in der es einem seiner Artgenossen bereits gelungen war, sich aus einer Milchkanne zu befreien, indem er durch heftiges und ausdauerndens Strampeln die Milch zu Butter verarbeitete. Er amüsierte sich sogar in gewissem Grade drüber, denn welcher Frosch ist schon so blöd und begibt sich freiwillig in eine Milchkanne? Als er eines regnerischen Tages wieder einmal auf einen Sprung bei den benachbarten Quäkern im Hafen vorbeischauen wollte, trug es sich zu, dass er auf einem Blatt ausrutschte und vom Kai herab in einen Eimer fiel, dessen Inhalt ihm weiß und feucht entgegenschimmerte." Oh, jetzt ist erst einmal alles im Eimer, aber das ist kein Problem - ich bin ja fit und folglich ist bald alles wieder in Butter!" Er begann also zu strampeln und zu strampeln und zu strampeln. Es wunderte ihn zwar etwas, dass es ihm schwerer fiel als gedacht, aber er baute sich damit auf, dass die Milch wohl bereits so fett sei, dass die Verbutterung dann eben nicht so lange dauern würde. Komischerweise geschah aber nichts in dieser Richtung.
Im Gegenteil, die weiße Flüssigkeit wurde zwar sämiger, aber sie schmiegte sich wie ein zweite Haut um ihn und behinderte zunehmend seine Bewegungen. "Das ist dann wohl das Ende! Wie konnte ich nir so blöd sein." waren die letzten Gedanken, als ihm die Farbe, mit der der Aufbau eines Krabbenkutters verschönert werden sollte, bis zum Froschhals stand. Er wollte schon quaklos den Kopf hängen lassen, als sich eine gute Fee in Gestalt eines Fischers ( offenbar eine Transvestitin!) seiner erbarmte, ihn leicht angeekelt aus der sensenschwingenden Soße fingerte und sogleich im hohen Bogen über Bord warf. Das war schon ein Glück, denn dem Fischer seine Frau hätte den Frosch womöglich geknutscht und anschließend frustriert an die Kaimauer geklatscht. Aber da die Farbe wenigstens Öko und somit wasserlöslich war, durfte sich der Frosch ob seiner ansonsten ja guten Fitness sogar noch eine Chance auf einen glimpflichen Ausgang des Abenteuers ausrechnen. Die Fische im Hafenbecken unterstützten ihn nach Kräften, indem sie ihn an seinen Stolz appellierend lautstark anfeuerten, "ihnen doch seine Locken zu zeigen." Ob er ebendies noch geschafft hat oder das nach diesem traumatischen Erlebnis überhaupt noch wollte, ist nicht bekannt. Soweit ich weiß, ist er an jenem Vorfall nicht gestorben, aber er soll sich daraufhin - seines enormen Glücks bewußt - jedesmal genau überlegt haben, ob er noch einmal auf einen Sprung bei den Nachbarn vorbeischaut. Viel von ihm in der Öffentlichkeit gesehen hat man jedenfalls nicht, und schon garnicht im Buchladen.

Die Wunderflöte

Vor vielen hundert Jahren, als das Flötespielen gerade in Mode gekommen war, häufte sich die Zahl der Flötenspieler, die darunter litten, dass sie eigentlich nur düstere Klängen hervorbringen konnten und darob fingerringend um Hilfe ersuchten. Da trug es sich zu, dass einem berühmten Flötendoktor unerklärliche Heilungen mit einer Wunderflöte nachgesagt wurden. Der waren zwar nur vier Löcher zu eigen, und ihr ließen sich ebenfalls nur düstere Melodien entlocken, aber ihr wurde die Gabe zugesprochen, dass ein Blick in jedes ihrer Löcher wertvolle neue Erkenntnisse vermitteln könne. Der Arzt hieß die Ratsuchenden nun, der Wunderflöte nacheinander vom Mundstück an in jedes einzelne Loch zu schauen und darauf zu achten, was sie erblickten. Der Blick in das erste Loch erfolgte voll Argwohn, und was war zu sehen? Ein dunkles Nichts! Sagt mir ganz ehrlich: Wer kann sich so etwas bei einer Wunderflöte schon vorstellen? Es erstaunt wohl keineswegs, dass eine gehörige Ratlosigkeit den Blick in das zweite Loch bald folgen ließ. Und was erspähten die verunsicherten Augen? Wieder ein Nichts, aber dieses Mal eine Winzigkeit heller! Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass auch die geringste Helligkeit beruhigend auf Ängstliche einwirkt und womöglich sogar Hoffnungen weckt.




Das öffnete den meisten die Augen für den Blick in das dritte Loch. Mit spürbarer Erleichterung war trotz der mittlerweile irgendwie erwarteten Leere eine weitere Zunahme der Helligkeit festzustellen. Und es kam, wie es kommen musste: Ein nahezu furchtlos gewordener Blick in das immer deutlicher erkenbare gegenstandslose Nichts der vierten Öffnung mündete in die Einsicht, dass nichts Materielles im Innern zu den unangenehmen Tönen geführt haben konnte. Wer ob dieser Schilderung nun mutmaßt, dass Heilungen immer auf derartigen Einsichten beruhten, der muss sich eines anderen belehren lassen, denn nicht wenige verzweifelten an der neuen Erfahrung. Andere jedoch begannen nachzudenken, und so kam vielen die Erleuchtung, dass es an der Stimmung der Flöte liegen müsste und an der Art, wie ihr der Atem eingehaucht würde. Sie huben alsbald an, sich von ihren herkömmlich erstandenen Flöten zu trennen und mit großer Sorgfalt selbst neue zu bauen, die zu guter Letzt dazu führten, dass nach und nach immer heiterere Melodien erklingen konnten, zumal langsam einsetzende Erfolge den Atem der Flötenspieler zunehmend befreiten. Und wenn sie auch schon längst gestorben sind, so leben sie jetzt zumindestens für den Moment wieder auf.
HOMO LUPO HOMO

In grauer Vorzeit waren die Isegrimms noch gefräßig, dumm und böse. Dabei fanden sie nicht nur Gefallen an Kindern, Schafen und Ziegen, sondern verschmähten auch keine bettlägerigen Großmütter. Vielleicht lag es an Letzterem , dass viele Menschen sie sich sogar zum Vorbild nahmen, und der Spruch HOMO HOMINI LUPUS (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.) machte nahezu unbestritten die Runde. Auch kann es als ein Zeichen von einer gewissen ehrfürchtigen Beachtung gewertet werden, dass bis heute keiner auf die Idee kommt, dem Lupus etwa süffisant eine Lupussy zuzugesellen. Doch es kam letztlich, wie es immer kommt, wenn bei der Nahrungssuche weder ein karges Angebot noch ernsthafte Konkurrenz zu beklagen sind: Sie wurden unvorsichtig und träge und fanden sich darob zuhauf mit Wackersteinen beschwert auf diversen Teichböden im Märchenland der Brüder Grimm wieder. Wen wundert es da, dass es ausschließlich Vertreter der nachwachsenden Menschengenerationen waren, die ihre Opferrolle nicht mehr annehmen wollten, infolgedessen ihren Geist aktivierten und sich in der Konfrontation ausgefuchst und wacker behaupteten. Fortan hieß es HOMO LUPO LUPUS! (Der Mensch ist dem Wolf ein Wolf!) Zudem wurde die Natur durchkulturiert und für viele Tiere uninteressant. Die Wölfe zogen daraus sowohl ihre Lehren, als auch sich aus der Gegend zurück und wurden lange lange Jahre nicht mehr gesehen. Da es aber für den gemeinen Erwachsenen problematisch werden kann, wenn er so garnichts mehr zum Gruseln findet und seinen Kindern keine Angst mehr vermittelt werden kann, wurden einige Exemplare eingefangen und zur mitfühlenden Begaffung in öffentlichen Tierzuchthäusern eingezäunt. .

Abgesehen davon, dass es dem gemeinen Wolf ein Leichtes ist, solche Ansinnen zu untergraben, waren es die nachwachsenden Wolfgenerationen, die ähnlich wie andere Wildtiere ob des durch die Zivilisation immer leichter zu erlangenden und reichhaltiger werdenden Nahrungsangebotes ihre Scheu vor den Menschen verloren. Sie liefen dabei zwar oft Gefahr, überfahren zu werden, trafen aber ebenso anderswo auf eine nachwachsende Generation von Menschen, die offenbar schlechtgewissentlich neue Herausforderungen in einem eher naturverbundenem Leben suchte und den Wolf zwar immer noch gefräßig, aber nicht mehr dumm und böse, sondern schlau und bösonders fand. So kommt es nicht von ungefähr, dass Kindertagesstätten in weiser Voraussicht auch mal Waldspaziergänge untersagt bleiben, obwohl dabei die Gefahr für die Wölfe eher gering einzuschätzen ist, da Wackersteine schon seit längerem nicht mehr in Mode sind. Außerdem wäre das Töten von Tieren auch nicht im Einklang mit den veganen Bestrebungen, die gerade immer stärker in Mode kommen. Und die Moral von der Geschicht? HOMO LUPO HOMO! (Der Mensch ist dem Wolf ein Mensch!) Irgendwie klingt das doch viel runder, und wenn sie sich nicht gegenseitig umbringen, dann menschelt es noch morgen.

Rumpelsammler (frei nach den Gebr. Grimm)

Es war einmal ein König, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dass in seinem Reich das Licht nie ausgehen werde, und es war einmal ein Pfarrer, der war arm, aber er hatte eine Tochter, die immerhin Physik studiert hatte. Nun traf es sich, dass er mit dem äußerst energiehungrigen König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Kerne zu Strom spalten.“ Der König sprach zum Pfarrer: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen.“
Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Kerne lag, gab ihr Hammer, Meißel und Amboss und sprach: „Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh diese Kerne nicht zu Strom gespalten hast, so musst du sterben.“ Darauf schloss er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin. Da saß nun die arme Pfarrerstochter und wusste um ihr Leben keinen Rat: Sie verstand zu wenig davon, wie man Kerne zu Strom spalten konnte, und ihre Angst ward immer größer, dass sie endlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach: „Guten Abend, Jungfer Pfarrerin, warum weint Sie so sehr?“ „Ach“, antwortete das Mädchen, „Ich soll Kerne zu Strom spalten und verstehe das nicht." Sprach das Männchen: "Was gibst du mir, wenn ich dirs spalte?" „Mein Halsband“, sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor den Amboss, und pling, pling, pling, dreimal gehämmert war ein Lämpchen am Leuchten. Dann nahm es das nächste Häufchen, und pling, pling, pling, dreimal gehämmert war ein zweites Lämpchen am Leuchten: und so gings fort bis zum Morgen, da waren alle Kerne gespalten, und alle Lämpchen im Raum leuchteten.
Bei Sonnenaufgang kam schon der König, und als er das Leuchten erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch gieriger. Er ließ die Pfarrerstochter in eine andere Kammer voll Kerne bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu apalten, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen erschien und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir die Kerne zu Strom spalte?“
„Meinen Ring von dem Finger“, antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fing wieder an zu hämmern und hatte bis zum Morgen alle Kerne zu kraftvollem Strom gespalten. Der König freute sich über das nunmehr taghelle Flutlicht, war aber noch immer nicht des Lichtes satt , sondern ließ die Pfarrerstochter in eine noch größere Kammer voll Kerne bringen und sprach: "Die musst du noch in dieser Nacht spalten: Gelingt dir’s aber, so sollst du meine Gemahlin werden." „Wenn’s auch eine Pfarrerstochter ist“, dachte er, „eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“ Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal die Kerne spalte?“ „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“, antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ „Wer weiß, wie das noch geht“, dachte die Pfarrerstochter und wusste sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie versprach also dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen spaltete dafür noch einmal die Kerne zu Strom. Und als am Morgen der König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Pfarrerstochter ward eine Königin.
Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: Da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach: „Nun gib mir, was du versprochen hast.“ Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, dass das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „Drei Tage will ich dir Zeit lassen", sprach er, "wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“
Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Gerhard, Guido, David, Stefan und sagte alle Namen, die sie wusste, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: „So heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor „Heißt du vielleicht Watteinfall oder Erwehe oder Ennbewe?“ Aber es antwortete immer: "So heiß ich nicht.“
Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte:

Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:
„Heute back ich,
Morgen brau ich,
Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
Ach, wie gut ist, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelsammler heiß!“
Ich fragte das Männchen, wie es zu diesem sonderbaren Namen gekommen sei , und es erzählte mir folgende Geschichte:
Der Gammlersammler von Hampeln
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ließ sich zu Hampeln eine außergewöhnlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock im feinsten Businesslook an und gab sich für einen Gammlersammler aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Gammlern und anderen Sozialschmarotzern zu befreien. Die Bürger sagten ihm diesen Lohn zu, und der Gammlersammler zog sein Pfeifchen heraus und pfiff. Da kamen alsbald die Gammler und Sozialschmarotzer aus allen
Ecken hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keiner zurückgeblieben, ging er aus der Stadt hinaus in die dritteArbeitswelt; der ganze Haufen folgte ihm nach, fiel aus der Statistik direkt ins prekäre Arbeitsleben und kam darin allmählich zugrunde.
Als aber die Bürger sich von ihrer Plage befreit sahen, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Mann, so dass dieser verbittert wegging. Zwei Jahre später kehrte er jedoch zurück in Gestalt einer jungen Frau, schrecklich freundlichen Angesichts, mit einem grünrn, rotbefederten Hut und ließ, während alle Welt vor dem Fernseher versammelt war, seine Pfeife abermals in den Gassen ertönen. Alsbald kamen diesmal nicht Gammler und Sozialschmarotzer, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Monat an in großer Anzahl gelaufen. Wer noch nicht laufen konnte, wurde von den Älteren einfach mitgenommen. Diese führte er, immer spielend, zum Stadttore hinaus in ein riesiges KinderZentrum, in dem er mit ihnen verschwand. Nur zwei Kinder kehrten zurück, weil sie sich verspätet hatten; von ihnen war aber das eine blind, so dass es die Stelle des Verschwindens nicht zeigen konnte, das andere stumm, so dass es nicht erzählen konnte. Ein Knäblein war umgekehrt, seinen Rock zu holen und so dem Unglück entgangen. Einige sagten, die Kinder seien in einem Tunnel ins ferne Abenteuerland geführt worden und - wenn überhaupt - dann nur als rüstige Rentner zurückgekommen.

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und eine Bezug zu ihrem eigenen Problem mit ihm herstellen konnte. Und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: "Nun, Frau Königin, wie heiß ich?" fragte sie erst: „Heißest du Jürgen?“ „Nein.“ „Heißest du Sigmar?“ „Nein.“ „Heißt du etwa Rumpel...“ Das Männlein zuckte zusammen. „Heißt du etwa Rumpel...sammler?" Dem Männlein rumpelte ein Stein von der Brust, doch es ließ es sich nicht anmerken. „Wer hat dir denn DAS gesagt?“ „Stimmts?“ freute sich die merkelich erleichterte Königin. Doch das Männlein lächelte diabolisch: „Zwei Herzen, ach, wohnen in meiner Brust, jedoch: Knapp vorbei ists auch daneben – soo steht es jedenfalls nicht in meiner Missgeburtsurkunde. Aber die Idee ist guuut“ Sprachs und holte sein Pfeifchen heraus, woraufhin alle Kinder aus dem gesamten Hofstaat angelaufen kamen und ihm folgten, als es fröhlich von dannen hüpfte und fortan samt der Kinderschar nie mehr gesehen ward.
"Das hat mir der Teufel gesagt, das hat mir der Teufel gesagt", schrie die nunmehr mit allen bösen Geistern gesegnete Königin und stieß mit dem rechten Fuss vor Zorn so tief in die Erde, dass sie bis an den Leib hineinfuhr, dann packte sie in ihrer Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

 

Ein Kombimärchen

Wie vielen von euch noch aus Kindertagen bekannt sein dürfte, hatten es auch schon schon vor langer Zeit diejenigen leichter, die einen Stiefel vertragen konnten. Ich meine damit keineswegs nur die vielen Dorfhonoratioren, sondern vor allem jene Wesen, die sich in nahezu märchenhafter Weise solch fortschrittlicher Gehhilfen bedienten. Die Berichte darüber haben Generationen zu Schuhspannern und darüber hinaus mitunter zu regelrechten Fußfetischisten werden lassen. So nimmt es nicht Wunder, dass eine Gruppe von motorisch Unzufriedenen nahezu jeden Wald- und Wiesenweg zum billigeren Jakobsweg vervölkert, solange ihn nicht marodierende Mountainbiker endgültig zerpflügen und freidrängeln. Da kommt es schon mal vor, dass bisweilen die Wanderstiefel – und bei weitem nicht nur die aus dem Discount- oder Second-feet-Läden– mitten im schönsten Flow ihren Geist aufgeben, wenngleich der Schwund noch vernachlässigbar ist gegenüber den Schuhproblemen der Jogger, Walker und IronWomen. Aber hier weiche ich ab. Zurück also zu den Jakobsweganern:

Als eines schönen Tages voller wunderbarer Wandermeilen mitten im Wald einer weidlich eingelaufene Wandermagd just die Sohle unter den Füssen entzogen wurde, war die Not so groß, dass sie nicht mehr weiter wusste als auf ein Wunder zu hoffen. Sie besann sich auf alte Märchen, die sie als Kind vorgelesen und als Erwachsene im Fernsehen recycelt präsentiert bekommen hatte. Sie schaute sich also um und erblickte nach intensiver Erforschung der Flora – zum Glück war sie mitten in einem Bioreservat gelandet – im hohen Gras am Wegrand versteckt eine unscheinbare blaue Blume. „Sollte ich oder nicht?“, kam es in ihr hoch und sie beschloss: „Es gibt nichts Gutes, außer frau tut es!“ Behutsam ward die Blume gebrochen und Gottsei Dank -weiß der Teufel warum?- wirkte der vermeintliche Zauber umgehend: An einem uralten Gatter, hinter das sie sich zur ebenso dringlichen wie verständlichen Erleichterung zurückgezogen hatte, fand sie ein Paar Wanderstiefel hängen. Die waren zwar auch nicht mehr die Jüngsten, aber schienen ihren Dienst trotzdem voll zu erfüllen, was sich im Laufe der nächsten Kilometer dann auch bestätigen sollte. Soweit das Wunder. Die Frage bleibt: Wie kamen die Stiefel an jene Stelle?Wen wundert es, dass diese Situation aus einer märchenhaften Begegnung resultiert? Na wißt ihr schon, aus welcher? Nun gut, ich will euch nicht mit meiner Fragerei unnötig auf den Senkel gehen:

 

An eben dieser Stelle fand vor geraumer Zeit anläßlich eines aufwendig organisierten Fairytale-Festivals ein schicksalhaftes Zusammentreffen des Däumlings mit dem gestiefelten Kater statt. Beide hatten dazu ihre Stiefel mitgebracht. Nach kurzer Zeit des Beschnupperns kam es, wie es kommen musste . Beide hatten ihren Stiefeln ja aus unterschiedlichen Gründen ihre Karriere zu verdanken. Der Däumling schwärmte von der rasant gesteigerten Mobilität durch seine Siebenmeilenstiefel, während der Kater vollauf damit zufrieden war, dass ihm sein Schuhwerk erst den aufrechten Gang ermöglicht hatte. Diese ohne Zweifel zeitlos aktuelle Diskussion um Selbstbewußtsein und Technikgläubigkeit führte schnell zum Streit. „Ich brauche solche Turbotreter nicht. Was ich im Kopf habe, brauche ich nicht in den Latschen zu haben - vom Jetlag mal ganz abgesehen“ miraunzte der Kater. „Hochmut kommt vor dem Fall, und außerdem ist Hightech nicht verboten- ganz im Gegenteil!“ hielt der Däumling dagegen. So ging es eine Zeitlang weiter Daumen rauf und Daumen runter, bis beide ganz verkatert am Gatter lehnten und nicht mehr ein und aus wussten. „Wir sollten uns von unseren ollen Lieblingsstiefeln endlich trennen, bevor wir sie uns in unserem Alter noch um die Ohren hauen!“ schlug schließlich der Kater vor. „“Wir brauchen sie ja nicht wegschmeißen. Vielleicht kann sie ja noch jemand gebrauchen?“ gab sich der Däumling damit zufrieden. Gesagt, getan – im Nu fanden sich die beiden Paare am Zaun baumelnd und Kater nebst Däumling in der Versenkung wieder. Ohne Stiefel waren sie ja für das Festival uninteressant geworden. Die Schuhe hingen eine Zeit lang noch friedlich nebeneinander ab. Gelegentlich kamen Wanderer vorbei, aber keiner interessierte sich wirklich für die beiden.Sie waren nicht modisch genug, und der Markt hatte schon längst auf Neunmeilenstiefel umgestellt. Das blieb den Siebenmeilenstiefeln nicht verborgen und grämte sie gewaltig. Außerdem litten sie mehr unter der fehlenden gewohnten Intensivpflege, ohne die sie ihr Selbstbewusstsein schnell verloren. Sie zerrten und zergelten solange an ihren Schuhbändern, bis diese beim nächsten Sturm zerbarsten. Die Folge? Sie flogen in den Graben als Futter für die Raben. Ob die Raben das wirklich fressen mochten, sei dahingestellt. Es ist aber ein schönes Zitat, an das ihr euch vielleicht noch erinnern könnt. Wie es den PersonalCoachs des Katers ergangen ist, habt ihr ja bereits erfahren

Und die Moral von der Geschicht?

Vielleicht wisst ihrs? Ich weiß es nicht!

Impressionen aus dem Märchenland der Gebrüder Grimm

Impressionen aus dem Gespensterwald rund um Nienhagen

Hier gehts zurück nach